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Sechs Optionen zur Zukunft der Caritas
Karl Gabriel, Professor für Christliche
Soziallehre in Münster, empfiehlt den Caritasverbänden, mit neuen
Initiativen die
Sozialkultur in der Gesellschaft zu
fördern. Nach Jahrzehnten der Expansion komme es nun darauf an, im
unübersichtlicher werdenden Sozialmarkt
die besonderen Chancen eines kirchlichen Wohlfahrtsverbandes zu nutzen.
Bei einem Vortrag in der Dortmunder
Kommende formulierte Gabriel sechs Optionen verbandlicher Caritas im
Spannungsfeld von Kirche, Staat und
Gesellschaft.
Das sozialstaatlich verfaßte Hilfesystem
basiert auf dem Wertkomplex der Teilhabe aller am gesellschaftlichen Leben.
Die Geltung
und Tradierung dieses Wertkomplexes ist
alles andere als selbstverständlich. Der Sozialstaat selbst ist überfordert
in der
Hervorbringung und Wahrung seiner eigenen
kulturellen Grundlagen. Er ist auf gesellschaftliche Kräfte angewiesen,
die eine Kultur
des Helfens und der Teilhabe praktizieren,
propagieren und gesellschaftlich stützen. So lautet die erste Option:
Option für die Förderung der Sozialkultur in der Gesellschaft
Eine Kultur der Teilhabe läßt
sich nicht einfach herstellen. Die Tradierungsgemeinschaften, die bisher
die Sozialkultur in
Deutschland getragen haben, sind in besonderer
Weise angesprochen, öffentlich mit allem Nachdruck deutlich zu machen,
daß die
heutigen globalen Veränderungsprozesse
nur mit einem mehr an Solidarität und nicht mit einem weniger zu bewältigen
sind. Die
verbandliche Caritas hat aufgrund ihrer
konkreten Erfahrungen mit Betroffenen besondere Möglichkeiten, die
öffentliche Diskussion
mitzugestalten.
Option für eine anwaltliche Politik gegen Armut und Ausgrenzung
Die kirchliche Option für die Armen
und Schwachen fordert die verbandlich Caritas heute heraus, eine eigenständige
anwaltliche
Politik zu entwickeln. Im Zentrum ihres
politischen Engagements sollten eindeutig die Interessen jener 10 - 20
Prozent der
Bevölkerung stehen, die heute in
die Armutszonen der Gesellschaft abgedrängt werden. Für sie gilt
es, sich in die politischen
Arenen zu begeben und für eine Politik
der Armutsbekämpfung und Armutsfestigkeit der sozialen Sicherungssysteme
einzusetzen.
Katholische Verbände wie die Caritas
müssen heute eigene Politikformen entwickeln. Der Caritasverband ist
auf allen Ebenen
herausgefordert, am Aufbau eines zivilgesellschaftlichen
politischen Potentials mitzuarbeiten, das die politische Schwäche
der von
Armut Betroffenen wenigstens teilweise
zu kompensieren vermag. Es geht um die öffentliche Thematisierung
von
Armutsschicksalen, um eine rückhaltlose
und kontinuierliche Armutsberichterstattung, um eine Politik der Armutsbekämpfung
und
der Schließung der Falltüren
in die Armut.
Option für eine Stärkung der Betroffenen und ihrer Zusammenschlüsse
Die Würde der Betroffenen verpflichtet
die Caritas, dem Primat der Selbsthilfe vor der Fremdhilfe, der informellen
Hilfe vor der
organisierten Hilfe und der ambulanten
Hilfe vor der stationären Hilfe zu folgen. Diese in den Grundprinzipien
der katholischen
Soziallehre verankerte Prinzip erfordert
ein Hilfesystem, an dessen Spitze die Selbsthilfe und an dessen Ende Formen
der
Betreuung in Einrichtungen rangieren.
Für den Caritasverband kommt dabei in besonderem Maße die Stützung
des familialen
Lebenszusammenhangs als nach wie vor primärer
Ort wechselseitiger Solidarität und Hilfe in den Blick. Immer häufiger
werden aber
künftig selbstgewählte Gruppen
das primäre Netzwerk der Familie ergänzen oder gar ersetzen müssen.
Für die Stärkung von
Identität und Handlungskompetenz
kommt den selbstgewählten Gruppen eine besondere Bedeutung zu.
Option für die Vermittlung zwischen informeller und formeller Hilfe
Die kirchlichen Wohlfahrtsverbände
waren in der Vergangenheit häufig in Gefahr, die Bedürfnisse
und Interessen von Betroffenen
sozusagen kleinzuarbeiten, anstatt sie
zu bündeln. Sie übernahmen die Funktion, die Interessen des Staates
stärker nach unten zu
vermitteln, als die Bedürfnisse der
Betroffenen nach oben. Nicht zuletzt deshalb begannen viele Betroffene,
in der
Selbsthilfebewegung ihre Sache selbst
in die Hände zu nehmen. Für die verbandliche Caritas ergibt sich
daraus die Option, sich als
Scharnier zwischen den Hilfebenen zu begreifen
und den informellen Hilfeformen - eingeschlossen der ehrenamtlichen Hilfe
- die
notwendige Unterstützung finanzieller
wie personeller Art zu sichern. Zur Vermittlungsfunktion gehört auch
initiativ zu werden, Nöte
aufzudecken und ihre sozialpolitische
Bearbeitung zu erzwingen. Im Rahmen einer so verstandenen Vermittlungsfunktion
geht es
auch darum, zur informellen Hilfe anzuregen,
nicht isolierende Fallarbeit, sondern solidarisierende Feldarbeit zu leisten.
Damit
kommt die kirchliche Basis in den Blick.
Die Option für die Förderung gemeindlicher Caritas
Theologisch sind sich heute alle einig:
Diakonie gehört zur Identität jeder Gemeinde. Die diakonische
Grundfunktion kann die
Gemeinde nicht delegieren. Bewußtsein
und Handlungspraxis der Gemeinden sehen häufig aber anders aus: das
gemeindliche
Binnenmilieu zeigt ein fast ausschließliche
Prägung durch die sonntägliche Liturgie, Verkündigung und
möglicherweise noch durch
das Bemühen, über Veranstaltungen
und Feste ein Gemeinschaftsgefühl zu erzeugen. Demgegenüber bleibt
die Diakonie häufig
eine Sache der Rhetorik und weniger Engagierter
in der Gemeinde. Der damit verbundene Wirklichkeitsverlust der gemeindlichen
Lebenswelt spiegelt sich wider in einem
Wirklichkeitsverlust des Glaubens und - wie sich zeigen läßt
- im Rückzug gerade der
Jüngeren aus den Gottesdienstgemeinden.
Es hat wenig Sinn, auf diese Situation mit Schuldzuschreibungen zu reagieren.
Sinnvoller erscheint es, wenn auch die
verbandliche Caritas konkret Verantwortung für diese mißliche
Lage zu übernehmen bereit ist
und die Anregung und Unterstützung
diakonischer Lernprozesse in den Gemeinden zu einem seiner zentralen Arbeitsfelder
macht.
Es läßt sich auch fragen, ob
nicht der Verband und seine Einrichtungen auf dem Markt der Dienstleistungen
besser dastünden,
wenn sie diakonisch lebendige Gemeinden
an ihrer Seite wüßten? Liegt hier nicht auch eine zentrale,
bisher nur begrenzt genutzte
Ressource der verbandlichen Caritas?
Option für die Übernahme globaler sozialer Verantwortung
Globale Abhängigkeiten werden bis
in den unmittelbaren Alltag hinein spürbar, erzwingen Strukturveränderungen
und erzeugen
Unsicherheit und Ohnmachtsgefühle.
Dabei stellt sich die Globalisierung immer mehr als jene Kraft heraus,
die den sozialstaatlichen
Kompromiß und Ausgleich zu Hause
tiefgreifend ins Wanken zu bringen droht. Auf globaler, weltgesellschaftlicher
Ebene droht eine
dem Frühkapitalismus nicht unähnliche
Struktur zu entstehen, die alle nationalen Sozialpolitiken aushöhlt
und untergräbt. Die
Rückkehr der akuten, brennenden sozialen
Frage auf globaler Ebene fordert die verbandliche Caritas heraus, in ihrem
Handeln stets
die Verbindung zwischen Lokalem und Globalem
zu suchen und herzustellen. Mit ihren internationalen Bezügen und
ihrem langen
Engagement in Migrationsfragen besitzt
die Caritas mehr als alle anderen Wohlfahrtsverbände eine Infrastruktur,
die sie dazu
verpflichtet, im Kampf um eine globale
soziale Politik erkennbar eine Rolle zu spielen. Ebenso wichtig erscheint
die
Bewußtseinsbildung zu Hause: ein
"zukunftsfähiges Deutschland" - auch seines sozialstaatlichen Modells
- wird es nur im Rahmen
einer "global nachhaltigen Entwicklung"
geben.
Karl Gabriel
Der Artikel ist die gekürzte Fassung eines Vortrages von Professor Dr. Gabriel, der ungekürzt in der Schriftenreihe "Der Kommende", Dortmund, veröffentlicht wird.
Aus: Caritas in NRW, 1/99
28. Januar 1999