Not sehen und handeln.
C  A  R  I  T  A  S

Caritasverband Oberlausitz e.V.



 


Zwischen Individualismus und sozialer Sehnsucht
Die Zukunft der Caritasarbeit im Bistum Limburg

Vortrag des Vorstandsvorsitzenden des Caritasverbandes für die Diözese Limburg, Ordinariatsrat Hanno Heil
anläßlich der Feier des 100 - jährigen Verbandsjubiläums am "Tag der Caritas",
dem 18.09.1997, in der Stadthalle Limburg.





Wir sind sehr dankbar dafür, daß Pfarrer Frank uns zu unserem Jubiläum eine erste zusammenhängende Darstellung der Geschichte unseres Verbandes geschenkt hat. Im folgenden soll der Blick auf die Zukunft unserer Arbeit gerichtet werden.

Dazu möchte ich mit Ihnen zunächst den Trend der Individualisierung als Grundbewegung unserer gesellschaftlichen Entwicklung betrachten. Anschließend möchte ich mit Ihnen der Frage nachgehen, wie sich vor diesem Horizont die Arbeit des Caritasverbandes bezogen auf den Einzelnen, auf das Gemeinwesen und auf die Gesellschaft entwickeln könnte.
 

Individualisierung auf neuen Wegen

Von den bürgerlichen Revolutionen der Neuzeit bis heute hat sich unsere Freiheitsgeschichte vor allem als eine Geschichte der Freiheit des Individuums entfaltet. Durch die wirtschaftlichen und technologischen Entwicklungen der letzten 50 Jahre hat diese Entfaltung der Freiheiten und Möglichkeiten des Individuums nochmals an Schubkraft gewonnen.

Individualisierung läßt sich auf eine einfache Formel bringen: Aus Wir wird Ich. Wo Institution war, soll Ich werden. Diese unwiderstehliche Formel hat eine rasante soziokulturelle Entwicklung erzeugt. Jahrtausendealte Moralsysteme, über Jahrhunderte gewachsene entlastende Rituale, ausbalancierte Kräfteverhältnisse, alles wird in kurzer Zeit aufgezehrt oder entwertet. Wo vorgegebene Rollen und Muster rar geworden sind, muß jeder sich selbst seine Biographie zusammenstricken.

Nun lassen sich seit jüngster Zeit im Trend der Individualisierung Überdrußphänomene beobachten. Langsam macht sich die Erkenntnis breit, daß unsere großartige Entwicklung zu autonomen, selbstbewußten und emanzipierten Persönlichkeiten die grundlegenden Strukturen unserer Gesellschaft ruiniert. Mehr Individualität bedeutet auf Dauer eben auch mehr Mobilität, Raumverfügung, Ressourcenverbrauch. In einer endlichen Welt sind dem unendlichen Freiheitsstreben des Individuums natürliche Grenzen gesetzt - nicht nur ökologische, auch psychologische.

Die Nebenwirkungen einer Konzentration auf die Freiheiten des Individuums werden deutlicher in den Blick genommen: Einsamkeit und die Überforderung einzelner sind hier ebenso zu nennen wie hemmungsloses Durchsetzen von Eigeninteressen und Schmarotzertum. Wenn gesellschaftlich organisierte Sozialsysteme an die Grenzen ihrer Leistungsfähigkeit geraten, kann auch dies als Folge einer mehr am Wohl des Individuums als am Gemeinwohl orientierten Politik verstanden werden.

Nicht nur in der Denkrichtung des amerikanischen Kommunitarismus, sondern auch hierzulande reift inzwischen die Erkenntnis, daß Schwarzarbeit, Steuerhinterziehung, Versicherungs- und Subventionsbetrug oder Korruption letztlich nur an der gemeinsamen Wurzel bekämpft werden können: der Balance zwischen Ich und Wir.

So läßt sich nach Ansicht vieler inzwischen in der Entwicklung der Individualisierung eine neue Richtung erkennen. Individualismus ja, aber bitte mit Solidarität. Kapitalismus ja, aber bitte mit Moral, so könnte man diesen Tend etwas salopp beschreiben. Es scheint, daß zum Ende dieses Jahrhundertes das emanzipierte Individuum doch wieder so etwas wie eine soziale Sehnsucht beschleicht. Eine neue Suche nach einem Ausgleich zwischen Individualismus und Solidarität wird von vielen Beobachtern der gesellschaftlichen Entwicklung beschrieben.

Wie können wir vor diesem Hintergrund Caritasarbeit in der Welt von Morgen gestalten? Zunächst soll der Blick auf die Ebene der Arbeit mit Einzelnen in der Beratung, Pflege und sozialen Unterstützung gerichtet werden.
 

Die Arbeit der Caritas mit Einzelnen in der Zukunft.

In unseren Diensten sind wir 100 Jahre lang davon ausgegangen, daß der Mensch aufgrund seiner unverletzlichen Würde in jedem Stadium und Zustand seines Lebens Anspruch auf Hilfe und Zuwendung hat. Dieser Grundsatz wurde von der Gesellschaft fast während dieses gesamten Jahrhunderts geteilt. Jedoch ist nicht zu übersehen, daß in den letzten Jahren die gesellschaftliche Akzeptanz dieser christlichen Konzeption der Menschenwürde zu bröckeln beginnt.

Dem werdenden Mensch im Mutterleib ist sein unbedingtes Recht auf Leben im gesellschaftlichen Bewußtsein bereits abgesprochen. Sein Lebensrecht endet nicht nur bereits an der Zumutbarkeitsgrenze der Mutter, es wird zunehmend auch von seiner körperlichen und geistigen Gesundheit abhängig gemacht. Kinder mit Down-Syndrom, einer Erbkrankheit, die inzwischen vorgeburtlich diagnostiziert werden kann, haben heute im Mutterleib nur noch sehr geringe Überlebenschancen.

Mit großer Sorge müssen wir uns fragen, welche Auswirkungen der hier erkennbar werdende Bewußtseinswandel auf die Toleranz der Gesellschaft gegenüber behinderten, kranken und alten Menschen haben wird. Die Diskussion über Sterbehilfe und Euthanasie in einer Zeit knapper werdender Mittel im Gesundheitswesen gibt uns ebenso Anlaß, über die Antastbarkeit der Menschenwürde nachzudenken.

Wird die Pflege eines alten Menschen bis zu seinem natürlichen Todeszeitpunkt ein in Zukunft knapper werdendes Gut? Wird die Betreuung Behinderter, Verwirrter, in Zukunft zu einer Sonderleistung, die die Betroffenen, ihre Angehörigen und einige engagierte Träger allein aus ihrer Tasche bezahlen müssen?

Eines ist sicher, die Frage "Wie halten wir es mit der Menschenwürde?" wird zu einer zentralen Frage der Caritasarbeit der Zukunft werden. Auch wenn wir als Caritasverband der Kirche vielleicht heute ein nicht mehr von der breiten Mehrheit der Bevölkerung getragenes Ethos vertreten, liegt aber gerade in diesem Ethos eine Zukunftschance unserer Arbeit.

Ich sehe auch nicht, daß dieses Ethos konterkariert wird, indem wir uns an der Beratung Schwangerer in Konfliktsituationen im Rahmen der staatlichen Gesetzgebung beteiligen. Wir tun dies nicht, um Beratungsscheine auszustellen, sondern um keine sich bietende Chance ungenutzt zu lassen, der Schwangeren in ihrer schwierigen Entscheidungsituation ein Ja zu ihrem Kind zu ermöglichen. Daß durch das Ausstellen von Beratungsscheinen seitens unserer Beraterinnen in der Bevölkerung der Eindruck erzeugt würde, Caritas würde Abtreibungen moralisch tolerieren, halte ich im übrigen für eine Annahme, die leicht zu widerlegen ist.

Caritas wird sich jedenfalls in ihren Einrichtungen und Diensten, ob im Kindergarten oder in der Beratungsstelle, im Krankenhaus, der Sozialstation oder im Altenheim weiterhin als Schutzort des menschlichen Lebens in allen seinen Entwicklungsstadien und allen Daseinsweisen profilieren. Unsere Zeit- und Zukunftsgenossen sollen wissen, an wen sie sich wenden können, wenn sie authentisches Leben leben wollen, Leben mit Wunden, Behinderungen und Verletzungen, Leben mit Tröstung, Begleitung und Solidarität. In der Caritas sollen sie Menschen begegnen, die unvollkommenes Leben noch aushalten und entwickeln möchten, die kleine Schritte machen können.

Ich bin sicher, daß wir in Zukunft mit dieser Konzeption unserer Arbeit Bestand haben werden und langfristig an einem Gegentrend mitarbeiten, den unsere Gesellschaft braucht und den sie eines Tages auch wieder entsprechend anerkennen wird.

Nach heutigen Prognosen werden wir in den kommenden Jahren mit einer zunehmenden Zahl von materiell und psychisch notleidenden Menschen in unserer Gesellschaft rechnen müssen.

Dienste wie die allgemeine Lebensberatung, Sozialrechts- und Schuldnerberatung und die Hilfen für Familien in Problem- und Konfliktsituationen werden sich - leider - über Nachfrage nicht beklagen können. Besonders für die von Armut und Ausgrenzung Betroffen müssen wir niedrigschwellige Beratungs- und Betreuungsangebote vorhalten und weiterentwickeln.

Daß die Zerstörung der äußeren Umwelt für die Gesundheit des einzelnen schädlich ist, wissen wir aus der Ökologie. Daß das von Ego-mentalität, Leistungsdenken und Beschleunigung geprägte Klima unserer Gesellschaft auch in unserer Innenwelt, in unseren Seelen, Schäden anrichtet, belegen verschiedene Studien, nicht zuletzt Beobachtungen unter Kindern und Jugendlichen. Ich halte es deshalb für eine notwendige Aufgabe der Kirche in ihren caritativen Diensten, auch weiterhin entsprechende psychologische und soziale Fachdienste vorzuhalten.
 

Zukünftige Caritasarbeit in Gemeinden und Gemeinwesen

Dezentrale Strukturen

Wir leben in einem schnellen Zuwachs von internationaler Mobilität und Vernetzung. Die Bedeutung der kleinen regionalen und lokalen Lebenskreise wird dadurch jedoch nicht geschmälert. Es gibt nicht nur eine Welt der Datenautobahnen und des Internet, sondern weiterhin auch eine Welt der Stadtviertel, der Vereine und Nachbarschaften. Und so wie es keine ökologische Rettung der Welt gibt, wenn sie nicht vor Ort umgesetzt wird (Global denken- lokal handeln), wird es keinen sozialen Fortschritt geben, wenn er nicht in Gemeinden und Gruppen erarbeitet und umgesetzt wird.

Wir haben im Bistum durch die Dezentralisierung der Caritasarbeit in den letzten Jahren diese lokale Ebene gestärkt. Dieser Schritt allein reicht jedoch nicht aus. Die Stichworte Subsidiarität und Solidarität innerhalb der Caritasverbände in unserem Bistum müssen in den kommenden Jahren noch ausführlicher durchbuchstabiert werden.

Auch die Frage der Organisation der Tägerschaften stationärer Einrichtungen gehört in diesen Zusammenhang. Gerade in Zeiten, wo der Rotstift allerorten regiert, gehört großes wirtschaftliches Geschick und fachliches Know-How dazu, diese Einrichtungen sinnvoll und effektiv zu betreiben. Dies spricht für eine starke zentrale Trägerschaft, die jedoch nicht die örtliche Einbindung der Einrichtung in die gemeindlichen und bezirklichen Strukturen behindern darf.
 
 

Ehrenamt - Caritas und Gemeinde

Eine große Stärke unseres Verbandes ist, daß er nicht aus sich selber lebt, sondern Substruktur eines größeren Organismus, der katholischen Kirche, ist. Dadurch bewegt er sich in einem sozialen Lebensraum, aus dem er motivierende Schubkraft bezieht und aus dem er sowohl personelle wie materielle Ressourcen erneuern kann. Auf der anderen Seite stärkt und festigt er natürlich auch diesen kirchlichen Lebensraum mit seiner Arbeit.

Besonders zu betonen ist diese Einbindung vor dem Hintergrund der zunehmenden Bedeutung der ehrenamtlichen, freiwilligen sozialen Arbeit. Es ist ja nicht so, daß der Individualismus die gegenseitige Hilfe in Familien, Gruppen und Gemeinschaften einfach zerstört. Vielmehr ist diese Hilfe einem Wandlungsprozess unterworfen. Moderne Menschen praktizieren eine suchende Moral. Solidarität, Hilfsbereitschaft und Gemeinwohlorientierung nehmen für sie den gleichen prominenten Rang ein wie Motive der Selbstverwirklichung, beruflicher Erfolg und die Ausweitung der persönlichen Freiheitsspielräume. Dies spiegelt sich in zahlreichen Bürgerinitiativen, Selbshilfegruppen und vielfältigen Formen ehrenamtlichen Engagements wieder.

Zwei Beispiele aus einer Vielzahl von Initiativen will ich an dieser Stelle besonders hervorheben. In fast allen Stadt- und Bezirksverbänden erfährt die Arbeit mit Wohnungslosen eine kontinuierlich wachsende Unterstützung und Förderung durch ehrenamtliches Engagement. Mit dem Modellprojekt "Freiwilligenzentrum Dillenburg" erproben wir zur Zeit ein neues Instrumentarium zur Gewinnung Freiwilliger und stärkeren Einbindung Ehrenamtlicher in die Caritasarbeit. Die Kooperation mit den Pfarrgemeinden spielt dabei eine besondere Rolle, ebenso wie die Zusammenarbeit mit der betroffenen Bevölkerung, mit Vereinen und Institutionen in der Gemeinwesen- und Stadtteilarbeit. An verschiedenen Orten werden unter dem Stichwort "Sozialpastoral" inzwischen auf Gemeindeebene caritative Projekte angestoßen, die eine neue Synthese von ehrenamtlicher und professioneller Caritasarbeit darstellen. Wie Caritasverbände und Pfarrgemeinden sich dabei gegenseitig unterstützen, ihrem gemeinsamen caritativen Auftrag vor Ort nachzukommen, wird für unsere ganze Kirche eine Zukunftsfrage sein.
 
 

Hauptamtliche Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen zwischen kirchlichem Auftrag und sozialer Wirklichkeit.

Es zeigt sich, daß die verstärkten Anstrengungen unseres Verbandes in den vergangenen Jahren, Ehrenamtliche in die Arbeit miteinzubinden, auch die Rolle der Hauptamtlichen neu definiert. Sie werden durch freiwillige Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter nicht überflüssig, sondern in ihrer Rolle als verläßliche Fachkräfte noch stärker herausgefordert. Sie sind weiterhin das wertvollste Kapital unseres Verbandes.

Hauptamtliche Caritasarbeit und ihre Akteure sind jedoch auch innerhalb unserer Kirche immer wieder Gegenstand der Kritik. Caritas braucht kritische Begleitung. Auf eines möchte ich jedoch im Blick auf solche innerkirchlichen Debatten hinweisen. Theologie entsteht nicht nur an Universitäten, an Ordinariaten und Kurien. Einer ihrer vornehmsten Herkunftsorte ist die caritative Arbeit, das Krankenbett, das Beratungszimmer, die Unterkunft für Wohnungslose.

Wo Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ihre Erfahrungen mit Armen, Kranken, Ausgegrenzten und Notleidenden in Worte fassen und mit der Wirklichkeit Gottes in Verbindung zu bringen suchen, entsteht Theologie. Vielleicht entsteht sie hier oft mehr stammelnd und unsicher, oft mehr in der Formulierung einer Frage als in der einer Antwort; und doch, es ist Theologie und ihre Subjekte sind unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.

Aus dieser Erkenntnis haben wir Konsequenzen gezogen. In Exerzitienkursen können unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern vor dem Hintergrund der christlichen Hoffnungs- und Glaubensüberlieferung ihre Arbeit bedenken und neu orientieren. Hinzu kommen zahlreiche Einzelgespräche und Beratungen, für die unser Caritaspfarrer zur Verfügung steht.

Theologen, die in unserem Bistum ausgebildet werden, werden in verschiedene caritative Felder eingeführt. Anhand der dort gewonnenen Erfahrungen und des Austauschs mit Kolleginnen und Kollegen aus der Caritas, können sie selbst beurteilen, welche Auswirkungen der Wechsel des Standortes auf das theologische Denken haben kann. Wir freuen uns, daß eine wachsende Zahl von Pastoralen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, Ordensleuten und Priestern sich in die soziale Wirklichkeit einmischen und ihren Glauben und ihre Arbeit in die Caritasarbeit einbringen. Ich würde mir wünschen, daß wir diese Entwicklung in den nächsten Jahren fortsetzen können, als Bereicherung für alle, die in der Caritas arbeiten und für das theologische Denken und Urteilen in unserer Kirche.
 
 

Kinder- und Jugendhilfe

Wer in die Zukunft investieren will, muß in die Kinder und Jugendlichen investieren. Die politische Durchsetzung und Umsetzung des Rechtsanspruchs auf einen Kindergartenplatz ist eine Konsequenz aus dieser Einsicht. Aber müssen wir nicht längst mit unseren Angeboten viel weitergehen? Familiale Hilfestrukturen tragen zwar bis heute die Hauptlast sozialer Arbeit, auch in Bezug auf die Kinderbetreuung. Sie werden jedoch u.a. aufgrund der höheren Mobilität, der geringeren Kinderzahlen, der größer werdenden Generationenabstände, an Tragfähigkeit verlieren. Es ist eben ein Unterschied, ob man vier Geschwister hat oder gar keine, und ob die Eltern bei der Geburt der eigenen Kinder noch rüstig sind oder pflegebedürftig, wenn sie überhaupt in der Nähe des Wohnortes wohnen.

Betreuungseinrichtungen für Kinder und Jugendliche werden deshalb in Zukunft ihre Daseinsberechtigung vor allem daraus gewinnen, daß sie Kindern, Jugendlichen und Familien das bieten können, was früher in verzweigten, aber räumlich dichten familialen Strukturen selbstverständlich war, daß ein Kind nicht nur in seinem Elternhaus, sondern auch in anderen Häusern aufwuchs, die die Eltern in ihrer Erziehungsverantwortung entlasteten und unterstützten. Starre Altersgrenzen und Öffnungszeiten können diesem Anspruch nicht gerecht werden. Warum kann ein Kindergarten nicht auch gelegentlich eine Abend- , bzw. eine Übernachtungsbetreuung anbieten? Warum werden freie Plätze am Nachmittag nicht für die Hausaufgabenbetreuung älterer Kinder genutzt? Und warum sollten nicht die Eltern in solche Aktivitäten miteinbezogen werden?

Kaum eine unserer kirchlichen Institutionen liegt so im Schnittfeld sozialer Probleme wie der Kindergarten. Als Verknüpfungspunkt zahlreicher familialer Netze ist er prädestiniert dazu, sich zu einem niedrigschwelligen Sozialbüro in der Gemeinde zu entwickeln. In der Weiterentwicklung unserer kirchlichen Kindergärten zu Orten gemeindlicher Kommunikation und sozialer Nähe, sehe ich eine lohnende, mit Phantasie und Kreativität zu gestaltende Zukunftsaufgabe unseres Verbandes.
 
 

Altenhilfe

Was für die Kindergärten gilt, kann ebenso für die Altenheime gesagt werden. Die Öffnung hin zum Gemeinwesen ist eine Zukunftsaufgabe, an der schon heute in unseren verschiedenen Häusern deutlich gearbeitet wird.

Entsprechend der demographischen Entwicklung wird die Sorge für die alten Menschen in Zukunft sicher ein Hauptthema auch für unseren Verband sein. Sorge für ? - vielleicht ist die Formulierung schon falsch. Ich hatte im vergangenen Jahr Gelegenheit, sogenannte Altengenossenschaften in Italien kennenzulernen - ein beeindruckendes Beispiel dafür, wie alte Menschen füreinander sorgen können, die jüngeren Alten für die älteren Alten - die rüstigen für die geschwächten. Von den kulturellen, politischen, handwerklichen, bis hin zu den pflegerischen Bedürfnissen alter Menschen, decken diese Genossenschaften ein weites Spektrum von Bedürfnissen ab - in wohlorganisierter Selbsthilfe.

Um das Altwerden mit all seinen Gebrechen und Schwächen, aber auch mit all den immer noch vorhandenen Möglichkeiten, zu gestalten, wird es in Zukunft verstärkt darauf ankommen, solche freien Zusammenschlüsse auf Gegenseitigkeit zu organisieren. Altersvorsorge darf nicht auf Fragen der Geldanlage reduziert werden. Über den Bau von Einrichtungen hinaus geht es darum, im gestalteten Aufbau von Beziehungen Menschen dabei zu helfen, alt zu werden und dies so autonom und selbstbestimmt wie möglich.

Seniorengenossenschaften, in denen Hilfe heute in Hilfe für morgen umgerechnet wird, könnten für diese Form der Altersvorsorge Modell stehen. Vielleicht wird es in Zukunft weniger um den großen Generationenvertrag, sondern vielmehr um kleine Solidarpakte gehen, die Menschen in bestimmten Gemeinschaftsformen schließen. Caritas könnte dabei die wichtige Rolle eines Katalysators übernehmen. Der Aufbau von Beratungs- und Koordinierungsstellen gibt uns entsprechende Kontaktnetze, in die wir mit solchen Ideen hineinwirken und mitgestalten können.
 
 

Virtuelle Welten

Der Ausbau der Kommunikationselektronik erzeugt einen zunehmenden Einfluß der Technik im Bereich des Sozialen.

In Frankfurt ist das virtuelle Altersheim in Form einer Fernbetreuung über Bildschirm bereits Realität. In ca. 150 Haushalten älterer Mitbürger wurden Bildschirme mit eingebauter Kamera aufgestellt, die mit einer Zentrale vernetzt sind. Dadurch kann ein Betreuer von Angesicht zu Angesicht Kontakt zu den Senioren halten.

An Projekten wie zum Beispiel der "Fernüberwachung und Diagnose körperlicher Funktionen" oder "frei programmierbaren Maschinen zur Unterstützung der Krankenpflege" wird bereits gearbeitet. In etwa zehn Jahren dürfte die Technik soweit sein, daß die Krankenschwester häufiger auf dem Bildschirm als in der Türe erscheinen kann.

Wird Caritas auch zu den Anbietern dieser Dienste gehören? Wird uns, damit wir uns am Markt der Pflege noch behaupten können, nichts übrigbleiben, als "mit den Wölfen zu heulen" oder besser "mit den Bildschirmen zu flimmern?". Wir werden gerade vor dem Personalitätsprinzip der katholischen Soziallehre sehr genau prüfen müssen, wieviel Technik wir in unsere Dienste einbringen können, ohne Menschen in ihrer Personwürde zu verletzen.
 
 

Soziales Europa

Nicht nur in der Altenhilfe werden wir in Zukunft verstärkt über die europäischen Grenzen hinweg im Bereich sozialer Arbeit voneinander lernen und neue Allianzen aufbauen müssen. Während das Europa des gemeinsamen Marktes und der gemeinsamen Währung bereits zu respektabler Größe gewachsen ist, steckt das soziale Europa noch in den Kinderschuhen. Soziale Standards, die sich in der Angleichung der Gesetzeswerke niederschlagen könnten, sind noch kaum entwickelt. Der Einigung auf den kleinsten gemeinsamen Nenner müssen wir mit unseren europäischen Partnern unsere aus reicher Erfahrung gespeiste Sicht der sozialen Wirklichkeit und unseren Gestaltungwillen entgegensetzen.

Gerade der Caritas bietet sich auf europäischer und internationaler Ebene eine hervorragende Möglichkeit des Meinungs- und Erfahrungsaustauschs sowie der politischen Kooperation, da sie in den meisten europäischen Ländern mit eigenen Organisationsstrukturen vertreten ist. Wo solche Strukturen im Aufbau sind, z.B. in Osteuropa, werden wir uns in Zukunft verstärkt ihrer Stützung und Förderung widmen müssen. Ich erhoffe mir jedenfalls, daß in den kommenden Jahren die weltkirchlichen Partnerschaften des Bistums auch auf der Caritasebene stärker ausgebaut werden.
 
 

Migration

Einen weiteren Grund, unseren Blick über die Grenzen zu richten, liefert das Thema Migration.

Ein Wirtschafts- und Konsumsystem, das von globalen Lohndifferenzen profitiert, in dem Arbeit in anderen Ländern billig gekauft werden kann, erzeugt zugleich die Migrationsströme, die es offiziell nicht zur Kenntnis nehmen möchte.

Die Waren- und Geldströme, die sich zur Zeit vor allem an unseren östlichen Grenzen mit den Migrantenströmen begegnen, sind nur zwei Seiten der selben Medaille.

Daß neben den dauerhaften Fragen der Wirtschaftsmigration oft kurzfristig und überaschend mit beträchtlichen Flüchtlingsströmen auch in bzw. nach Europa gerechnet werden muß, hat uns der Krieg in Ex-Jugoslawien deutlich demonstriert.

Caritas hat sich von Anfang an der vielen sozialen Fragen, die mit den unterschiedlichen Formen der Migration zusammenhängen, angenommen. Lorenz Werthmann hat sich bekanntlich besonders um die italienischen Saisonarbeiter seiner Zeit gekümmert. Die Migration erfordert wegen der akuten Notlagen einzelner ebenso wegen ihrer politischen Implikationen weiterhin eine sorgfältige Bearbeitung seitens der Caritas sowohl auf der Ebene der Beratung einzelner als auch auf der politischen Ebene.
 
 

Zukünftige Caritasarbeit im Raum von Politik und Gesellschaft.

Armut und Reichtum

"Wir sitzen alle in einem Boot" dieses bekannte Bild der Solidarität hat auch das Sozialwort der Kirchen aufgegriffen. Sie haben recht, die Kirchen, sagen manche, wenn sie an dieses Bild erinnern. Aber schnell wird hinzugefügt: "Einige müssen auch rudern". Nur wenn sich Leistung für diejenigen lohne, die Leistung erbringen können, könne das erwirtschaftet werden, was diejenigen brauchen, die schwach, krank oder gebrechlich sind.

Genau diese Theorie, d.h. wenn der Tisch für die hart Arbeitenden gut gedeckt sei, werde auch sicher etwas abfallen, für die die nicht arbeiten können - hat jedoch global, das ist die Bilanz von 40 Jahren Entwicklungspolitik, genau zum Gegenteil geführt, nämlich daß die Tische der Reichen noch voller gedeckt wurden und die Schüsseln der Armen noch leerer geworden sind.

Was wir bisher global auf der Gewinnerseite verfolgen konnten, wird sich in Zukunft in unserer Gesellschaft selbst abspielen: die Zunahme von Reichtum auf der einen Seite und von Armut auf der anderen Seite. Diese Entwicklung hängt auch zusammen mit den tiefgreifenden Umbrüchen der Arbeitswelt. Wir werden uns angesichts des technologischen Fortschritts der Erkenntnis stellen müssen, daß Arbeitsplätze nicht zur natürlichen Umwelt gehören wie Bäume oder Wasser.

Auf diesen Umbruch sind weder unsere Gesellschaft noch unsere Politik genügend vorbereitet. Die Instrumentarien zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit gingen immer von einem vorübergehenden Zustand aus, nach dem die Betroffenen wieder je nach Konjunkturlage oder individueller Umschulung auf dem Arbeitsmarkt untergebracht werden konnten. Diese Annahme wird in Zukunft nicht mehr tragen.

Wo steigende Arbeitslosigkeit eine Zunahme von Armut und damit von sozialen Spannungen in unserer Gesellschaft bewirkt, sind wir als Verband in einer doppelten Verpflichtung zum Handeln.

Als Spitzenverband der freien Wohlfahrtspflege steht der Diözesancaritasverband in der Mitverantwortung für die sozialen Verhältnisse in der Bundesrepublik Deutschland. Er wirkt mit am Verfassungsauftrag, einen sozialen Rechtsstaat zu verwirklichen.

Als vom Bischof beauftragter Verband für die caritativen Aufgaben in seiner Diözese trägt er Mitverantwortung dafür, daß die frohe Botschaft, die den Armen gilt, sich nicht in Worten erschöpft, sondern durch Taten gedeckt wird. Dabei läßt der Verband sich vom prophetischen Bild einer solidarischen und gerechten Gesellschaft leiten, in der auch Arme und Schwache einen Platz mit Lebensperspektiven finden können.

Diesem doppelten Auftrag versuchen wir angesichts der oben geschilderten Problematik gerecht zu werden, indem wir uns einerseits konsequent in die sozialpolitische Auseinandersetzung um gerechte und menschenwürdige Strukturen einmischen und andererseits konkrete Projekte, wie z. B. die Beteiligung an Beschäftigungsgesellschaften oder die Schaffung neuer Arbeits- und Ausbildungsplätze angehen. Mit solchen und anderen Initiativen möchten wir auch in Zukunft Beiträge zum sozialen Frieden in der Gesellschaft leisten und Tendenzen der Entsolidarisierung entgegenwirken.
 
 

Finanzierung unserer Arbeit

Die Einnahmen aus der Kirchensteuer werden in den kommenden Jahren rückläufig sein. Neue Schwerpunktsetzungen innerhalb des Bistums sind unausweichlich. Ich hoffe auf Verständnis dafür, daß zugunsten der Aufrechterhaltung und Fortentwicklung unseres caritativen Engagements vielleicht das eine oder andere in der Vergangenheit mögliche und sinnvolle kirchliche Engagement zurückgenommen wird.

Die innerkirchliche Sparwelle trifft uns in einer Zeit, in der auch die Kassen der öffentlichen Hand von erheblichen Einnahmeausfällen betroffen sind. Die Verteilungsdebatte hat sich auch in der Gesellschaft verschärft. Wenn wir nicht zusehen wollen, wie Arme und Schwache zu den Verlierern dieses Kampfes werden, müssen wir uns in diese Debatte mit all unserer politischen Kraft einschalten.

Es genügt jedoch nicht zu klagen und anzuklagen. Wir selber sind gefordert, bei der Erbringung sozialer Leistungen ein Höchstmaß an Wirtschaftlichkeit und Kostenbewußtsein zu praktizieren. Darum haben wir uns seit jeher bemüht und werden auch in Zukunft unsere Anstrengungen um eine sparsame und effektive Erbringung sozialer Dienstleistungen fortsetzen. Es gibt genügend Beispiele dafür, daß bei der Entfaltung sozialer Phantasie, die in diesen Zeiten dringend geboten ist, gleichzeitig wirtschaftlich und sozial bessere Lösungen gefunden werden können.

Gelder, die wir für Notleidende brauchen, und die wir weder aus Kirchensteuermitteln, noch durch die öffentliche Hand erreichen können, werden wir zukünftig verstärkt auf dem privaten Sektor anwerben müssen. Es gibt zur Zeit in verschiedenen Einrichtungen Pläne für interessante soziale Projekte, die aufgrund von Finanzierungsproblemen nicht weitergebracht werden können. Hierfür müssen wir uns neue Finanzierungssquellen erschließen.

Als drittes Bein unserer Finanzstruktur schlage ich deshalb vor, eine Caritasstiftung zu gründen. Die Zeit ist reif, auch Fragen des Fundraising, der Mitgliederwerbung oder verschiedener Formen des Social sponsoring zügig anzugehen. Wer in seinen sozialen Diensten auf die Fortentwiklung der Bürgergesellschaft setzt, darf die Bürgerinnen und Bürger auch guten Gewissens an ihre finanzielle Mitverantwortung für die Lösung sozialer Probleme erinnern.

 Ausblick

An einem Tag wie heute gebührt das letzte Wort niemand anderem als Lorenz Werthmann persönlich, den, wie wir im folgenden Zitat hören, seine Herkunft aus unserer Diözese, aus Geisenheim am Rhein, bis in die Bilder seiner Sprache geprägt hat.

"Niemals darf der Caritasverband mit verschränkten Armen dem Strudel des Zeitstromes und dem Untergang der von diesem erfaßten Opfer tatenlos zusehen. Auch darf er sich nicht damit begnügen um Hilfe zu schreien, damit sich andere zur Rettungsarbeit aufraffen, er selbst muß den Mut haben, im Augenblick der Not sich in den Strudel zu stürzen, um die Opfer aus dem Verderben zu retten."

Daß wir uns in den Zeitstrom gleichermassen mutig und beherzt hineinwerfen, damit wir auch nach weiteren hundert Jahren sagen können "es war wieder eine Zeit zum Helfen und eine Zeit für andere" wünsche ich uns allen.
 



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15. März 1999