Das christliche Menschenbild als die grundlegende ethische Ressource
Vortrag bei der Akademietagung "Leben
als Gottes Bild" anlässlich der Feier
"10 Jahre Woche für das Leben"
am 30. Juni/1. Juli 2000 in der
Katholischen Akademie in Freiburg i.Br.
Der Mensch unserer Tage und unsere Erde sind vielen Veränderungen ausgesetzt. In atemberaubender Weise werden neue technische Möglichkeiten gefunden und erfolgreich erprobt. Wir können die Augen nicht erschließen vor eindrucksvollen Entwicklungen. Manchmal haben wir das Empfinden, dass wir das Ausmaß dieser Veränderungen im Augenblick gar nicht voll ermessen können. Bei den Menschen, die Urheber und Vermittler dieser Entwicklungen sind, kommt begreiflicherweise ein neues Hochgefühl der Beherrschung unserer Wirklichkeit und des Fortschritts an den Tag.
Wenn wir genauer auf diese
Entwicklung schauen, entdecken wir nicht nur – wie schon bisher – tiefe
Ambivalenzen, mit denen wir ringen, sondern auch dass wir unsere
Wirklichkeit immer mehr einschränken auf das, was wir jetzt mit unserer
Perspektive und mit Hilfe unserer Mittel erkennen, verändern und gewinnen
können. Dabei schrumpft aber unser Bild vom Menschen zusammen – auch
wenn wir noch so viele Möglichkeiten haben. Wir werden immer
enger und spezialistisch. Es droht die Gefahr, dass wir mit unseren
reduktionistischen Methoden
immer mehr von immer weniger wissen. Der Mensch ist z.B. nicht die
Summe seiner Gene.
So entschwindet uns das Ganze. Wir wissen am Ende nicht mehr, woher wir kommen, was wir hoffen und wohin wir gehen. Darum tut eine grundlegende Wegweisung gut. In diesem Sinne möchte ich im Zusammenhang "10 Jahre Woche für das Leben" einige Perspektiven aufzeigen, die dieser Suche und Orientierung dienen können. Dabei kann es nicht meine Aufgabe sein, den Wissenschaften selbst einzelne Direktiven vorzugeben, sondern an der Ausbildung von Grundhaltungen mitzuwirken, die wiederum einzelne Entscheidungen mittragen, welche freilich Sachkenntnis und Überprüfung durch das Gewissen zur Voraussetzung haben.
I.
Kreatürlichkeit
Wir können vieles verändern, aber wir schaffen uns nicht selbst. Wir spüren die Endlichkeit unseres Lebens. Diese wollen wir nicht glorifizieren, denn wir kennen auch die Grenzen und das Elend des Menschen. Wir wollen aber auch nicht bitter werden wegen des Loses des Menschen, der einmal sterben muss. Wir sind ein Wesen im Kreuzungsbereich von Geist und Materie, eben im Grenzgebiet von allem, was ist.
Schon der biblische Glaube unterscheidet hier grundlegend. Der Mensch weiß, dass er nicht der Herr des Lebens ist und dass sich alle täuschen, die glauben, sie wären insgeheim doch die Jongleure und Konstrukteure des menschlichen Lebens. Freilich, je mehr wir hervorbringen und verändern können, um so stärker geht uns das Gespür verloren, dass wir auch bei unseren eminenten Fähigkeiten immer auf das Leben angewiesen sind. Es ist vor unseren Entdeckungen und Erfindungen. Leben ist das Apriori schlechthin, die Gabe.
Was ist das Geheimnis des Lebens, das oft so fundamental verletzt wird?
Das Lebendige ist und wirkt
"aus sich selbst", hat einen eigenen Grund in sich, ist in diesem Sinne
"Natur" oder noch besser "Kreatur", die sich nicht bloß uns verdankt.
Wir spüren es zutiefst am Anfang und am Ende des Lebens, dass wir
bei aller Verantwortung und auch bei aller Beteiligung an seinem Entstehen
über das Leben selbst nicht verfügen können. Wir staunen
immer wieder, wenn neues Leben das Licht der Welt erblickt. Es ist jedes
Mal ein Wunder. Wir sind aber auch ohnmächtig, wenn die Lebenskraft
im Alter nachlässt und
schließlich
ganz erlischt – gerade wenn wir alles getan haben. In solchen Augenblicken
freudigen Begrüßens und schmerzlichen Abschiednehmens spüren
wir, dass wir nicht die Herren über Leben und Tod sind. Leben ist
die kostbarste Gabe, die uns geschenkt und anvertraut ist. Man kann gegenüber
diesem Leben, das uns nie gehört, eigentlich nicht neutral sein. Wir
wollen selber auch leben. Das Leben fordert uns ein und verpflichtet uns.
Immer müssen wir Leben schützen und fördern. Dabei haben
wir eine besonders große Verantwortung, denn gerade im Bereich des
vorgeburtlichen Lebens erkennen wir oft das, was sich selbstständig
regt, noch nicht, sondern erst später.
Dieses unsichtbare, aber dennoch wirkliche Leben hat sein eigenes Recht.
Da es sich aber nicht wehren kann, tun wir uns mit unseren Übergriffen leicht. Wer sich hier nicht ein sensibles Gewissen bewahrt gegenüber dem Lebensrecht eines anderen, ahnt vielleicht gar nicht, was er tut.
Darum ist auch der Schutz
des Lebens in allen seinen Spielarten das erste und höchste Gebot
im Verhältnis zu allem, was ist. Schonung und Pflege haben Vorrang
vor allen gewalttätigen Eingriffen. Wir sind dennoch keine
Träumer. Der Mensch
ist nie nur wildwachsende Natur, sondern zugleich gestaltende Kraft, die
immer auch Kultur schafft. Darum gehört zum Wort Kultur auch zuinnerst
zugleich das Bebauen und das Bewahren.
Die Unverfügbarkeit
des Lebens enthüllt im Denken und Glauben ihren letzten Grund. Gott
ist der Urheber und Bewahrer, der Beschützer und der Herr des Lebens.
Ohne radikalen Zusammenhang mit dem Schutz für das Leben hätte
das Wort Gott keinen Sinn. So aber mahnt es uns zum Eintreten für
alles, was lebt. Gott ist ein Freund des Lebens. Dies ist und bleibt eine
zentrale Aussage unseres Glaubens.
II. Bild und Gleichnis Gottes
In der Schöpfung kommt
alles aus der Hand Gottes, aber es gibt durchaus Rang. Diese gestufte Wirklichkeit
ist zwar auf den Menschen hin geschaffen, aber sie gehört ihm nicht.
Er ist nicht einfach Besitzer, Herr und Meister der Kreatur; er hat die
Erde anvertraut erhalten. Sie ist sein Lehen. Er ist Treuhänder und
Mandatar. Er darf sie darum auch nicht einfach zu seinen Zwecken aus- und
abnützen. Alles, was ist, ist Mitgeschöpf und verlangt
Rücksicht.
Dennoch hat der Mensch eine
einzigartige Stellung in der Welt. Er allein ist nach dem Bild und Gleichnis
Gottes geschaffen. Er vertritt in diesem Sinne Gott in seiner Hoheit und
mit seiner Macht. Darum gestaltet er auch die Erde als einen Lebensraum,
der auf ihn ausgerichtet ist. Dies sagt zunächst einmal etwas aus
über den Menschen selbst. Weil er Bild und Gleichnis Gottes ist, hat
er von dieser Auszeichnung her eine eigene Würde. Dadurch steht er
zunächst in sich selbst und ist bei allen Verflechtungen seines Lebens
nicht einfach Untertan und abhängig. Als Ebenbild Gottes darf er nicht
Mittel zum Zweck werden. Niemals darf der Mensch zu anderen, außerhalb
seiner selbst liegenden Interessen verzweckt werden. Der Mensch ist zuerst
Person, die in
sich selbst steht,
und nie nur Funktion, die im Dienst eines anderen steht. Darin ist die
Würde des Menschen begründet. Dies gilt in jeder Situation vom
Anfang bis zum Ende des Lebens. Niemand hat das Recht, diese
persönliche Selbstständigkeit,
die nur Gott geben kann, einzuschränken.
Sie gilt dem Ungeborenen und dem Totkranken, dem im Alter erlöschenden Leben und dem Behinderten. Außerdem ist der Mensch immer nur ganz in der Doppelausgabe von Mann und Frau. Auch hier ist keiner einfach dem anderen Untertan. Hier gibt es eine elementare Ebenbürtigkeit und Gleichwertigkeit, die kein Mensch aufheben darf. Wenn sie gestört oder zerstört sind, muss er sie wieder aufrichten und heilen.
Diese Aussagen sind auch
nochmals wichtig im Blick auf den Menschen und seine Stellung zur Welt.
Es ist unverkennbar, dass es in der Bibel, besonders im Geist, hinsichtlich
des Herrschens über die Erde starke Aussagen gibt. Man muss dies gewiss
in Zusammenhang bringen mit einer kulturgeschichtlichen Zeit, in der der
Mensch noch ganz unmittelbar die Übermacht der Natur erfuhr und sich
gegen die überwältigenden Kräfte massiv wehren musste, um
nicht unterzugehen. Man darf hier aber nicht einen neomarxistischen Begriff
des Ausbeutens in den biblischen
Text hineinlesen. Der Mensch selbst ist immer Mitkreatur, mitverantwortlich
für seine Mit- und Umwelt und bleibt Teil der Schöpfung. Wenn
hier von Herrschaft die Rede ist, ist immer auch die Mitsorge für
das Leben der Geschöpfe mitgemeint. Herrschaft schließt in besonderer
Weise auch Verantwortung für den Lebensraum ein, in dem man lebt und
wohnt.
Der Mensch ist in diesem
Weltaufbau in gewisser Weise Mitte und Krone. Aber dies ist in einem Konzept
der Mitkreatürlichkeit nicht so gedacht, dass ihm alles andere, das
Lebendige und das Nichtlebendige, beliebig zur
Verfügung steht. Die
Bibel enthält deswegen z.B. ein ganzes Spektrum von Verhaltensweisen
des Menschen zum Tier, das Tausenden von Jahren der Kulturgeschichte entspricht:
Gewiss ist das Tier am Anfang auch ein
tödlicher Gegner, es
wird schließlich gezähmt und wird auch als Haustier geradezu
ein Freund. Es ist aber auch nicht zu verkennen, dass es legitim der Nahrung
und sonstiger Hilfe für den Menschen dienen kann, sei es als
Arbeitstier oder als zur
Nahrung bestimmtes Fleisch. Der Mensch ist zwar zweifellos der Herr der
nichtmenschlichen Schöpfung, aber er lebt mit ihnen gleichsam in solidarischer
Symbiose. Ähnliches gilt von den nicht-lebendigen Geschöpfen,
die als Wasser und Luft, als Erde und Wärme sowie dem "Klima" zu seinen
Lebensbedingungen gehören.
Darum haben sie als Kreatur etwas Geschwisterliches mit dem Menschen gemeinsam.
Der hl. Franziskus hat dies deutlich gesehen und ergreifend zum Ausdruck
gebracht.
III. Jesus Christus als Maß des Menschen
Die Beziehungen des Menschen zu Gott sowie zur Mit- und Umwelt sind bereits im Anfang der Menschheitsgeschichte gestört und tief verletzt worden.
Darum hat auch die ganze
Menschheit immer wieder auf einen Heilbringer und Erlöser gewartet,
der diese Knechtschaft und Unfreiheit, die Unterwerfung und Bekämpfung
aufheben kann. Die Propheten haben immer wieder das Unrecht des Menschen
aufgedeckt, aber auch kraft ihrer Berufung gegen alle Erfahrung der Hoffnungslosigkeit
die Hoffnung aufrechterhalten, dass der Mensch umkehrt und Gott ihn zu
einer Vollendung führt, die viel seliger macht als alles, was er sich
selbst geben könnte. Dann wird auch wieder ein sonst
nicht vorstellbarer Friede
mit aller Kreatur sein.
Jesus kommt in diese Welt als Armer unter Armen. Obgleich er aus der Mitte Gottes kommt, der "Sohn" ist, ist er von seiner Geburt bis zum Tod einer, der demütig und bodennah ist und bleibt.
Jesus bringt auch ein für
jede ethische Botschaft unersetzliches Element. Er sagt, was er tut. Er
leidet für das, wofür er einsteht. Was er verkündet, das
vollbringt er auch. Diese Glaubwürdigkeit, in welcher Botschaft und
Person in eins fallen, war
zu allen Zeiten eine Stärke der biblischen Botschaft. Er hat all denen,
die im Namen Jesu das Evangelium weitergetragen haben, eine sanfte Gewalt
der Veränderung geschenkt.
Jesus hat alle Menschen zu
einem neuen Leben in Gerechtigkeit, Wahrheit und Frieden eingeladen. Die
Umkehr sollte aus einem neuen Denken hervorgehen. Dieses neue Denken bezog
sich auf die Verkündigung des Reiches Gottes. Zwar hat dieses in der
Person Jesu – durch sein Wort und sein Tun – schon in unserer Welt seine
elementare Kraft entfaltet, aber es ist nicht vorfindlich in dieser Zeit
und in dieser Welt. Es ist ein
Reich der Wahrheit
und der Gerechtigkeit, der Liebe und des Friedens, das jetzt schon immer
wieder fragmentarisch und vorläufig in die Strukturen unserer alten
Welt hineinreicht. Besonders der Geist Gottes durchzieht die Welt. Die
Kirche, die Jesus als Vermächtnis hinterließ, ist nicht das
Reich Gottes, aber sie versucht in dieser Zeit in und mit Jesus stellvertretend
das zu realisieren, was das Reich Gottes einmal in voller Reinheit sein
wird. Zwar leidet die Kirche immer wieder auch unter ihrer eigenen Schwäche
und ihrem eigenen Ungenügen.
Dennoch trägt sie mutig die Verheißung Jesu Christi weiter bis an die Grenzen der Welt und bis zu ihrer Vollendung.
Jesus Christus ist in eine
Welt gekommen, die ihn nicht verstand. Der Gerechte schlechthin ist für
uns, wie Paulus mit großer Kühnheit hervorhebt, zur Sünde
gemacht und wie ein Verbrecher behandelt worden. Er starb den schändlichen
Tod der Alten Welt am Holz des Kreuzes. Aber diese Torheit der Liebe, die
man in einem weltlich-natürlichen Denken nie versteht, ist zum Anfang
einer neuen Welt geworden. Darum hat Jesus Christus die Armen und Schwachen
nicht weggestoßen, sondern sich gerade ihnen zugewendet. Er hat den
glimmenden Docht nicht ausgelöscht, das geknickte Rohr nicht zertreten.
Jesus Christus hat den Menschen Barmherzigkeit erwiesen und Zuversicht
zugesprochen. Gerade darum konnte er auch für die Menschen
besonders eintreten,
die in der Gesellschaft seiner Zeit ausgeschlossen oder an den Rand gedrückt
worden sind: die Kleinen und unheilbar Kranken, die Zöllner und die
Sünder, die Frauen und die Fremden. Dabei war immer deutlich, dass
dies nur ein Vorschein dessen war, was Jesus einmal im Reich Gottes vollenden
wird.
IV. Teilen und Schonen, Vergeben und Versöhnen
Aus dieser Grundhaltung Jesu Christi heraus, der diesen Geist durch seine Lebenshingabe am Kreuz im Gehorsam Gott dem Vater gegenüber bezeugt und bewährt hat, ergeben sich ethische Ressourcen, die sein Geschenk an die Welt sind. Aber es ist keine "billige Gnade", sondern diese Gaben sind und bleiben Aufgabe für den Christen. Es gibt keine Ressourcen, die man wie ein Kapital besitzen, aufbewahren oder weitergeben könnte. Alles, was Quelle ist, muss durch das lebendige Zeugnis und das persönliche Beispiel weitergegeben werden. Wir Christen haben dies vielfach vergessen.
Jesus hat in einer außerordentlichen
Weise Lebenschancen der Menschen wahrgenommen. Immer wieder hat er gerade
auch in seinen großen Zeichenhandlungen (Wunder) zerstörtes
und beschädigtes Leben wieder
aufgerichtet und geheilt.
Er hat in seiner Verkündigung und in seinem gesamten Verhalten vielen,
die aus der menschlichen Gemeinschaft verjagt waren, einen neuen Zugang
zu ihr geschaffen. Durch die Hingabe seines Lebens "für alle", vor
allem auch in den Zeichen von Brot und Wein, hat er die Menschen wieder
mit Gott und untereinander in Beziehung gebracht und allen neue Lebensmöglichkeiten
eröffnet.
Jesus hat elementar mit dem Teilen der Lebenschancen zu tun. Wo es Ungerechtigkeit gibt und diese wiedergutgemacht werden kann, pocht er auf Gerechtigkeit. Die Liebe deckt nicht alles zu. Aber Jesus hat auch mit dem Irrglauben gebrochen, als ob eine absolut gesetzte Gerechtigkeit – Zahn um Zahn – die Welt verbessern könnte. Es werden immer menschliche Unvollkommenheiten bleiben, die der Nachsicht bedürfen. Wir brauchen immer wieder den spannungsvollen Ausgleich zwischen Gerechtigkeit und Barmherzigkeit.
In einem engen Zusammenhang damit steht die Kunst des Schonens. Wir sind gewohnt, Druck auszuüben und zu empfangen, uns durchzusetzen und gegebene Macht voll zum Einsatz zu bringen. Es ist ein bemerkenswertes Zeichen in der Heilsgeschichte, dass Gott groß ist im Schonen. Er verzichtet auf den Einsatz nackter Macht. Es kommt ihm gerade darauf an, Überlegenheit nicht einfach auszunützen, sondern auf einen solchen Einsatz zu verzichten.
Gewalt muss von daher auf jeden Fall vermindert werden, am besten ist der Gewaltverzicht. Dies spiegelt sich ganz besonders im Leben Jesu, der dies beispielhaft im Abstieg der Menschwerdung und in der "Kenosis" bis zum Tod am Kreuz erweist.
Diese Haltung setzt sich
fort in der Bereitschaft zur Vergebung. Gott will nicht den Tod des Sünders,
sondern dass er sich bekehrt und ein neues Leben in Freiheit gewinnt. Auch
hier zeigt sich ein wahrer Großmut und eine
Hochherzigkeit, die sich
freuen, wenn ein Verlorener wieder den rechten Weg findet und gerettet
werden kann. Das Evangelium will niemand in Schuld einschließen,
sondern ihm eine neue Zukunft in Freiheit eröffnen. Dafür
muss aber ein Versagen eingestanden
und die Bitte um Vergebung ausgesprochen werden.
Wo Fehler wieder gut gemacht werden können, muss man dies mit allen Mitteln versuchen.
Diese Vergebung gilt zunächst dem Einzelnen. Dazu gehört die zuvorkommende Bereitschaft, auf den anderen hin einen Schritt zu tun, indem man die Hand zum Frieden ausstreckt, meist ohne zu wissen, ob der andere bereit ist, wirklich von Herzen entgegenzukommen. Wenn dies gelingt, kann es zur Aussöhnung kommen. In ihr sollte es gelingen, Vorwürfe zurückzunehmen, Missverständnisse zu beseitigen und zu einem neuen gemeinsamen Verständnis zu kommen. In gesellschaftlicher Hinsicht äußerst sich dies in der Gewährleistung von Toleranz und Freiheit des Gewissens, des Geistes und nicht zuletzt der Religion. Wenn es gelingt, schwere Störungen des Gemeinschaftsverhältnisses zu beseitigen und gemeinsam ein neues Leben in Gerechtigkeit und Frieden aufzurichten, können wir mit guten Gründen von Versöhnung sprechen. Es ist ein besonderer Erfolg, wenn Aussöhnung unter den Völkern zur Versöhnung und zu einem neuen Zusammenleben führt.
Diese Skizze kann nicht vollständig sein. Sie möchte es auch bewusst nicht. Sonst müsste ausführlicher auch noch von vielen anderen Verhaltensweisen im Ethos des Christen die Rede sein. Es wäre notwendig, auf diese Weise von den Zehn Geboten und von den Seligpreisungen der Bergpredigt zu sprechen, auch wenn sie einen sehr unterschiedlichen Charakter haben.
Ich will nur darauf hinweisen (vgl. die verschiedenen Formen von Katechismen).
Jedoch soll am Ende wenigstens
noch ein kurzer Gedankengang versucht werden über die Wahrnehmung
der ethischen Ressourcen des christlichen Menschenbildes. Ethische Werte
darf man sich nicht als einfach gegeben vorstellen. Sie haben von Hause
aus einen Aufforderungscharakter. Nicht zuletzt deshalb nennen wir sie
auch Imperative. Sie müssen umgesetzt werden in konkrete ethische
Normen. Dazu brauchen wir zunächst einmal die Sensibilität des
Gewissens, das die ethischen Aufforderungen wahrnimmt und sie in ein sittliches
Urteil einbringt. Nur auf diesem Weg können ethische Ressourcen ihre
konkrete Realisierung finden. Sie müssen immer wieder entdeckt und
gepflegt werden. Viele haben aus sich heraus eine gewisse Evidenz und
eine Plausibilität,
die auch Nicht-Christen einsichtig werden kann. Auf die Dauer sind sie
in einer Gesellschaft nur wirksam, wenn sie dem lebendigen Kontakt des
Glaubens zugehören.
(Quelle : kath.de)