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Not sehen und handeln.
C  A  R  I  T  A  S


Pressekonferenz des Deutschen Caritasverbandes am 8. Juli 1999 in Bonn

Es gilt das gesprochene Wort.

Jahresbericht 1998 von Caritas international
Prälat Hellmut Puschmann, Präsident des Deutschen Caritasverbandes
 

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

zur diesjährigen Pressekonferenz von Caritas international möchte ich Sie herzlich begrüßen.

Die aktuelle Aufmerksamkeit gilt verständlicherweise nach wie vor der Situation im Kosovo. Dennoch dürfen viele andere Brennpunkte der Erde nicht aus dem Blick geraten. Insbesondere die steigende Zahl der Naturkatastrophen macht uns Sorge. 1998 war ein äußerst katastrophenreiches Jahr. 50.000 Menschen haben nach Schätzungen weltweit durch Naturgewalten ihr Leben verloren, 1997 waren es 13.000. Raubbau an der Natur und die prekären Wohnverhältnisse von Millionen von Menschen werden auch dieses Jahr vermehrt Opfer nach Wirbelstürmen oder Überschwemmungen fordern.

Die Naturkatastrophen waren mitverantwortlich dafür, daß Caritas international ihre Hilfen im vergangenen Jahr um mehr als 10 Millionen auf über 97 Millionen Mark steigerte. Der Wiederaufbau nach der Oderflut oder der Hurrikan "Mitch" über Mittelamerika im vergangenen Oktober sind hier ebenso zu nennen, wie die größte Flut die Bangladesch in diesem Jahrhundert erlebt hat.

Insgesamt wurden 1998 895 neue Projekte in 102 Ländern neu bewilligt. Das ergibt zusammen mit den laufenden Programmen mehr als 2.000 Projekte, mit denen sich Caritas international augenblicklich für die Opfer von Katastrophen, Bürgerkriegen und sozialer Not einsetzt.

Von den 1998 geleisteten Hilfen von Caritas international entfielen 63,8 Millionen Mark auf die Not- und Katastrophenhilfe, 33,2 Millionen Mark flossen in die Sozialstrukturhilfe. Die meiste Hilfe erhielt wie in den vorangegangenen Jahren Afrika - über 34 Millionen Mark. Auf den zweiten Platz hat sich mit einem kräftigen Zuwachs Lateinamerika geschoben. 23,5 Millionen Mark gingen dorthin. Es folgen Europa mit knapp 23 Millionen und Asien mit rund 15 Millionen Mark.

Mit dem Spendenergebnis für 1998 in Höhe von 45 Millionen DM sind wir sehr zufrieden. Es liegt zwar knapp unter dem des Vorjahres, ist aber höher zu gewichten , da 1997 die Oderflut mit über 23 Millionen Mark Spenden einen besonderen Faktor darstellte. Die meisten Spenden erhielten wir 1998 für die Opfer des Hurrikans "Mitch" in Mittelamerika in Höhe von 12 Millionen Mark. Für die Nothilfeprogramme im Sudan kamen 9 Millionen Mark zusammen.

Der Wiederaufbau nach Katastrophen ist zumeist ein langfristiges Unterfangen, bei dem wir unsere Partner oft über viele Jahre hinweg unterstützen. Noch schwieriger ist die Normalisierung des Lebens nach bewaffneten Bürgerkriegen oder ethnischen Konflikten. Das Beispiel Balkan macht überdeutlich, daß es mit klassischer Wiederaufbauhilfe bei weitem nicht getan ist. Für eine dauerhafte Überwindung der Kriegsfolgen ist es notwendig, über Hilfsprojekte Prozesse in Gang zu setzen, die zu einer Versöhnung führen können. Vielleicht hört sich dieser Begriff zunächst etwas antiquiert an. Doch nur die Aussöhnung zwischen verfeindeten Gruppen oder Parteien bringt dauerhaften Frieden und ist somit die Grundlage für Entwicklung. Dieser Aspekt wird häufig vernachlässigt, weil scheinbar wichtigere Fragen anstehen. Er muß aber aus unserer Sicht integraler Bestandteil von Katastrophen- und Wiederaufbauhilfe sein. Wir haben deshalb auch Programme unterstützt, die der Aufarbeitung einer von Gewalt erfüllten Vergangenheit dienen. So wurden z.B. in Guatemala im Rahmen eines landesweiten Projektes 8.000 authentische Interviews von Bürgerkriegsopfer gesammelt. Diese Gespräche boten die Grundlage, persönliche Traumata in nachfolgenden Behandlungen aufzuarbeiten, Gerechtigkeit zu fördern und Mittäter zu identifizieren. Inzwischen finanzieren wir in fünf Diözesen Guatemalas ein Programm zur Friedenserziehung, in dem 200 Pomotoren, 200 Gemeinde- und 40 Schulgruppen ausgebildet werden, die dann in ihrem Umkreis Fragen zu Gewalt, Menschenrechten und Gerechtigkeit thematisieren werden.

Das internationale Caritasnetzwerk hat bei seiner jüngsten Generalversammlung vor drei Wochen ein Handbuch für Versöhnungsarbeit vorgestellt, das es 154 Mitgliedsorganisationen erlaubt, diese Dimension in ihre Nothilfe- und Entwicklungsarbeit einzubringen. Die Caritas geht dabei von folgender Prämisse aus: In den meisten Fällen spielen sich Friedensprozesse auf den oberen beiden Ebenen einer Gesellschaft ab, also in der politischen und militärischen Führung sowie in den Institutionen eines Landes. Die dritte Ebene ist aber mitentscheidend für den Erfolg eines Friedensprozesses.

Das sogenannte "Graswurzel-Niveau", wo die notleidende und von Gewalt gepeinigte Bevölkerung angesiedelt ist, wird sehr oft vernachlässigt. Die Einbeziehung dieser dritten Ebene in einen Friedensprozeß ist unabdingbar und kann nicht von oben verordnet werden. Deshalb ist der Beitrag von Organisationen wie der Caritas, die ein Teil der Gesellschaft ist und über einheimische Mitarbeiter verfügt, von fundamentaler Wichtigkeit. Die Unterstützung solcher Projekte sollte auch von öffentlichen Finanzierern stärker gefördert werden werden.

Denn Krisenprävention ist allemal besser als noch so effektive Nothilfe nach neuen Konflikten.

Bevor Sie Herr Dr. Salm gleich über die aktuelle Situation im Kosovo informiert, möchte ich Ihnen noch ein kurzes Beispiel geben, wie ein Zusammenleben der Ethnien vielleicht auch dort wieder gelingen kann. Vor wenigen Wochen konnte ich in einem kleinem Bergdorf in der Republik Srbska miterleben, wie in einem Pilotprojekt kroatische Flüchtlinge wieder in ihre in gemeinsamer Arbeit aufgebauten Häuser zurückkehren konnten. Die Vermittlung unserer bosnischen Caritaspartner sowie die Unterstützung durch Politiker, Polizei und SFOR Truppen machte dies schließlich möglich. Es war ein langer und schwieriger Prozeß, doch schließlich siegte Vertrauen über den Haß. Als Caritas sehen wir uns in der Verantwortung, solch - zugegebenermaßen - zerbrechliche Experimente auch andernorts zu starten.

Meine Damen und Herren, ich danke Ihnen für die Aufmerksamkeit.
 

(Quelle : Deutscher Caritasverband)



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